Dr. Maurice Fürstenberg geht der Frage nach, welche Rolle Rechtschreibung noch spielt, wenn KI Texte weitgehend normgerecht schreiben und korrigieren kann. Ein historischer Rückblick zeigt Rechtschreibung als gewachsene Konvention, die Texte für Leser:innen leichter verständlich macht. Zugleich beleuchtet Fürstenberg ihre soziale Funktion: Normgerechtes Schreiben signalisiert Zugehörigkeit und beeinflusst, wie Menschen und ihre Leistungen wahrgenommen werden. KI hebt diese Zusammenhänge nicht einfach auf. Wer Schreibentscheidungen verstehen, beurteilen oder bewusst von einer Norm abweichen möchte, braucht weiterhin eigene Sprachkompetenz.
Für den Unterricht entwickelt Fürstenberg eine Analogie zum Kopfrechnen: Auch mit technischen Hilfsmitteln bleiben Grundlagen wichtig, ihre Funktion kann sich jedoch verändern. Er unterscheidet vier Aufgaben des Rechtschreiblernens: Strukturen verstehen, Ergebnisse überprüfen, grundlegende Schreibungen automatisieren und Texte bewusst gestalten. Rechtschreibung wird dabei als sichtbar gemachte Grammatik und als Werkzeug für verständliche Kommunikation betrachtet. Statt den Schwerpunkt auf das Zählen von Fehlern zu legen, plädiert er für Rechtschreibgespräche, das Begründen von Schreibungen und die Arbeit an eigenen Texten.
Als möglichen Ansatz skizziert Fürstenberg eine KI-gestützte Lernhilfe, deren Unterstützung schrittweise abnimmt: von angebotenen Korrekturen über Auswahlmöglichkeiten und Fehlermarkierungen bis zur bloßen Angabe einer Fehleranzahl. So sollen Lernende zunehmend selbst Verantwortung für die Überarbeitung übernehmen. Auch Prüfungsanteile mit und ohne Hilfsmittel stellt er zur Diskussion. Ab welcher Jahrgangsstufe und für welche Lernenden solche Modelle sinnvoll sind und wie sie mit analogen Prüfungen zusammenpassen, bleibt dabei ausdrücklich offen.