Warum künstliche Intelligenz zum besten – und riskantesten – Lernpartner werden kann
Künstliche Intelligenz verändert derzeit nicht nur Arbeitsprozesse, sondern auch die Art und Weise, wie Kinder lernen. In meinem Elternratgeber „Wie kommt mein Kind gut durch die Schule?“ spielt diese Entwicklung eine zentrale Rolle. Ein Kapitel des Buches beschäftigt sich damit, welche Chancen und Risiken entstehen, wenn Schülerinnen und Schüler mit KI-Systemen wie ChatGPT lernen. Gerade Eltern kommt dabei eine neue Rolle zu: Sie begleiten ihre Kinder nicht mehr nur beim Lernen, sondern zunehmend auch beim Umgang mit digitalen Denkwerkzeugen.
Der folgende Text greift einige zentrale Gedanken aus diesem Kapitel auf. Er zeigt, warum KI im Alltag von Schülerinnen und Schülern kaum noch zu ignorieren ist, welche Risiken entstehen können – und weshalb die Begleitung durch Erwachsene wichtiger wird, je leistungsfähiger diese Systeme werden.
Der Beginn einer neuen Lernrealität
Lange Zeit gehörte eine typische Szene zum schulischen Alltag vieler Familien: Ein Kind sitzt an den Hausaufgaben und stellt irgendwann die Frage, die viele Eltern kennen: „Warum muss ich das eigentlich lernen?“
Heute verändert sich diese Situation grundlegend. Mit wenigen Eingaben können KI-Systeme komplexe Aufgaben lösen, Texte schreiben oder mathematische Probleme erklären. Die Versuchung liegt nahe, schwierige Aufgaben einfach delegieren zu lassen. Die Ergebnisse sind häufig erstaunlich gut – manchmal sogar besser als das, was ein Schüler oder eine Schülerin ohne Unterstützung produzieren würde.
Damit verschiebt sich eine zentrale Frage des Lernens. Es geht nicht mehr nur darum, ob KI genutzt wird. Entscheidend wird vielmehr, wie sie genutzt wird, ohne dass der eigene Denkprozess verloren geht.
Der „iPhone-Moment“ der Bildung
Der rasante Aufstieg generativer KI wird von vielen Beobachtern als Wendepunkt beschrieben. Innerhalb von nur zwei Monaten erreichte ChatGPT mehr als 100 Millionen Nutzerinnen und Nutzer – deutlich schneller als viele frühere digitale Plattformen.
Der Organisationsforscher Ethan Mollick weist darauf hin, dass heutige KI-Systeme vermutlich die schlechtesten Versionen darstellen, mit denen Menschen künftig arbeiten werden. Die technologische Entwicklung steht also erst am Anfang.
Für Bildung bedeutet das: KI ist keine vorübergehende Modeerscheinung, sondern eine Technologie, die langfristig Teil von Lernprozessen werden wird. Für Eltern stellt sich damit weniger die Frage, ob Kinder mit KI in Kontakt kommen, sondern wie sie lernen können, damit kompetent umzugehen.
Die Gefahr des „Skill Skipping“
Die größte Herausforderung besteht darin, dass KI den eigentlichen Lernprozess umgehen kann. Wenn Hausaufgaben vollständig an eine KI delegiert werden, entsteht ein Problem, das in der Forschung häufig als Deskilling oder Skill Skipping bezeichnet wird.
Lernen ist mit kognitiver Anstrengung verbunden. Diese Anstrengung ist kein Fehler des Systems, sondern eine Voraussetzung dafür, dass neue neuronale Verbindungen entstehen und Wissen langfristig gespeichert wird. KI kann dadurch zu einem paradoxen Helfer werden: Sie liefert gute Ergebnisse, verhindert aber gleichzeitig, dass die dafür notwendigen Kompetenzen entstehen – insbesondere dann, wenn Lernprozesse vollständig delegiert werden.
Um diesem Effekt entgegenzuwirken, können einige einfache Prinzipien helfen, die Nutzung von KI stärker am eigentlichen Lernprozess auszurichten:
KI nicht für Lösungen, sondern für Denkprozesse nutzen. Statt sich fertige Antworten geben zu lassen, kann es sinnvoll sein, die KI gezielt um Hinweise, Zwischenfragen oder alternative Erklärungen zu bitten. Formulierungen wie „Gib mir nur einen Tipp für den nächsten Schritt“ oder „Stelle mir Fragen, damit ich selbst darauf komme“ fördern aktives Denken.
Ergebnisse immer selbst reflektieren. Wenn eine KI eine Lösung liefert, sollte der nächste Schritt darin bestehen, diese zu erklären – entweder sich selbst oder anderen. Die entscheidende Frage lautet dann nicht „Ist das richtig?“, sondern „Verstehe ich, warum es richtig ist?“.
KI zeitlich versetzt einsetzen. Ein hilfreiches Prinzip ist, Aufgaben zunächst ohne Unterstützung zu bearbeiten und KI erst im zweiten Schritt zur Überprüfung oder Vertiefung zu nutzen. So bleibt die eigene Denkleistung der Ausgangspunkt.
Fehler gezielt einbauen oder suchen. Man kann die KI auch bitten, absichtlich kleine Fehler in Lösungen einzubauen oder alternative, auch falsche Lösungswege zu zeigen. Das zwingt dazu, kritisch zu prüfen, statt Ergebnisse nur zu übernehmen.
KI als Übungspartner nutzen. Statt Lösungen zu generieren, kann die KI gebeten werden, ähnliche Aufgaben zu erstellen, Quizfragen zu formulieren oder Verständnisfragen zu stellen. So entsteht Wiederholung – ein zentraler Faktor für nachhaltiges Lernen.
Diese Formen der Nutzung verschieben die Rolle der KI: weg vom Ersatz für Denken, hin zu einem Werkzeug, das Denkprozesse anstößt und begleitet. Entscheidend ist dabei weniger die Technologie selbst als die Art und Weise, wie sie in den Lernprozess eingebunden wird. All dies passiert aber nicht von selbst, weshalb Eltern (oder Lehrkräfte) gerade bei schwierigeren Einbindungen der KI begleiten sollten. Zumindest so lange, bis eine autonome Nutzung möglich ist.
Vom Werkzeug zum Gegenüber
Gleichzeitig eröffnet KI neue Möglichkeiten für individualisiertes Lernen, wie es ja auch gerade mit FelloFish möglich ist. Bildungsforscherinnen wie Doris Weßels weisen darauf hin, dass KI-Systeme zunehmend als interaktive Lernpartner auftreten können. Sie geben Feedback, passen Erklärungen an das Niveau der Lernenden an und ermöglichen Dialoge über Inhalte.
Damit verändert sich die Rolle der Technologie: Sie ist nicht mehr nur ein Werkzeug, sondern wird zu einer Art Gegenüber im Lernprozess.
Diese Entwicklung kann auch für Familien eine Entlastung bedeuten. Wenn KI Erklärungen liefert oder Aufgaben korrigiert, müssen Eltern weniger häufig die Rolle eines Ersatzlehrers übernehmen. Stattdessen verschiebt sich ihre Aufgabe stärker in Richtung Begleitung, Motivation und Reflexion.
Wie gute KI-Anfragen entstehen
Damit KI sinnvoll genutzt werden kann, kommt es stark auf die Formulierung der Anfrage an. In vielen Fällen hilft ein einfaches Strukturprinzip (das WWW-Prinzip):
Wer – Was – Wie
Wer? Welche Rolle soll die KI einnehmen (z. B. Tutor, Prüfer, Diskussionspartner) und wer ist der Lernende (z. B. Schülerin der 7. Klasse)?
Was? Welche konkrete Aufgabe soll bearbeitet werden? Etwa eine Erklärung, eine Zusammenfassung oder ein Quiz.
Wie? In welchem Format soll die Antwort erfolgen – zum Beispiel mit Beispielen, Schritt-für-Schritt-Erklärungen oder Rückfragen.
Eine präzisere Anfrage führt meist zu deutlich besseren Ergebnissen.
Drei typische Anwendungsmöglichkeiten
Im schulischen Alltag lassen sich bereits heute verschiedene sinnvolle Einsatzformen beobachten.
Ein Beispiel ist der personalisierte Erklärer. KI-Systeme können schwierige Themen auf unterschiedliche Weise erklären und sich dabei an das Niveau der Lernenden anpassen.
Eine zweite Möglichkeit ist der Sparringspartner für Übungen. Statt nur Lösungen zu liefern, kann die KI Aufgaben stellen, Hinweise geben und Fehler kommentieren, ohne sofort die richtige Antwort zu verraten.
Schließlich kann KI auch als Strukturhilfe dienen, etwa beim Erstellen von Lernplänen oder beim Strukturieren von Referaten und Texten.
Warum Begleitung wichtiger wird
Trotz aller Möglichkeiten bleibt KI fehleranfällig. Systeme können sogenannte „Halluzinationen“ erzeugen – also plausible, aber falsche Informationen. Zudem werfen Datenschutz und Urheberrecht weiterhin offene Fragen auf.
Internationale Organisationen wie die UNESCO oder nationale Ethikräte empfehlen deshalb eine altersangemessene und begleitete Nutzung solcher Technologien.
Gerade deshalb spielt die Rolle der Eltern eine wichtige Rolle. Wenn Kinder lernen, Ergebnisse zu hinterfragen, Quellen zu überprüfen und KI als Werkzeug statt als Ersatz für eigenes Denken zu nutzen, kann die Technologie zu einer echten Unterstützung werden.
Eine neue Schlüsselkompetenz
Künstliche Intelligenz wird Lernen nicht ersetzen. Sie verändert jedoch die Bedingungen, unter denen Lernen stattfindet.
Die entscheidende Kompetenz besteht künftig weniger darin, Informationen zu finden – sondern darin, mit intelligenten Systemen kritisch, reflektiert und produktiv zu arbeiten. Dabei kommt der Begleitung durch Erwachsene eine zentrale Rolle zu.
Die Frage lautet daher nicht mehr, ob KI Teil des Lernens wird. Sie lautet vielmehr, wie Kinder lernen können, diese Werkzeuge zu nutzen, ohne ihre eigene Denkfähigkeit zu verlieren.
Viele weitere Beispiele, Hintergründe und praktische Hinweise finden sich im Elternratgeber „Wie kommt mein Kind gut durch die Schule?“, der sich ausführlich mit dieser neuen Lernrealität beschäftigt.
Zur Person
Bob Blume (Fotograf: Oliver Forstner)
Bob Blumeist Lehrer, Autor, Podcaster und Bildungsinfluencer. Er studierte Germanistik, Anglistik sowie Geschichte und arbeitete bis 2025 als Oberstudienrat an einem Gymnasium in der Nähe von Baden-Baden. Momentan promoviert er in den Erziehungswissenschaften. Zudem ist Bob Blume ein gefragter Experte in der deutschen Medienlandschaft zum Thema Schule, schreibt Kolumnen beim Deutschen Schulportal und Gastbeiträge für den Spiegel. Bei der Verleihung der Goldenen Blogger 2022 wurde er als Blogger des Jahres ausgezeichnet. Sein Buch "Warum noch lernen?" wurde kurz nach Erscheinen zum SPIEGEL-Bestseller. Sein Elternbuch „Wie kommt mein Kind gut durch die Schule?“ stieg nach Erscheinen im Februar 2026 auf Platz 3 der SPIEGEL-Bestsellerliste ein.