Künstliche Intelligenz ist längst keine Zukunftsvision mehr, sondern verändert bereits heute, wie wir lernen, lehren und arbeiten. Lehrkräfte stehen dabei vor einer doppelten Herausforderung: Sie müssen nicht nur ihre eigene KI-Kompetenz weiterentwickeln, sondern auch ihre Schüler:innen gezielt beim Aufbau dieser Kompetenzen unterstützen. Doch wo fängt man an? Und wie lässt sich dieser Prozess – individuell wie auch im gesamten Kollegium – strukturiert und nachhaltig gestalten?
Genau hier setzen die vier Tools an, die ich in diesem Blogbeitrag vorstelle. Sie ermöglichen einen systematischen Weg von der ersten Standortbestimmung über die strategische Planung bis hin zur konkreten Umsetzung im Unterricht. Alle Werkzeuge basieren auf demselben Kompetenzmodell und greifen nahtlos ineinander – für eine durchdachte Kompetenzentwicklung auf allen Ebenen.
Was sind KI-Kompetenzen für Lehrende und Lernende?
KI-Kompetenzen beschreiben die Fähigkeiten, die Menschen benötigen, um Künstliche Intelligenz souverän, kritisch und verantwortungsvoll in Lern- und Arbeitskontexten einzusetzen. Es geht dabei nicht nur um technisches Know-how oder die Bedienung einzelner Tools, sondern um ein umfassendes Verständnis: Wie funktioniert KI eigentlich? Wo kann sie sinnvoll unterstützen? Wo liegen Grenzen und Risiken? Und wie lässt sich KI so gestalten, dass sie pädagogisch wertvoll und ethisch vertretbar eingesetzt wird?
Für Lehrende bedeutet das: Sie müssen nicht nur selbst kompetent mit KI umgehen können, sondern auch ihre Schüler:innen dabei unterstützen, diese Kompetenzen zu entwickeln. Für Lernende wiederum geht es darum, KI nicht nur passiv zu nutzen, sondern sie bewusst einzusetzen, kritisch zu hinterfragen und als Werkzeug für das eigene Lernen zu verstehen.
Unser KI-Kompetenzmodell strukturiert diese komplexen Anforderungen in vier aufeinander aufbauende Bereiche, die zusammen ein ganzheitliches Bild von KI-Kompetenz zeichnen. Diese vier Bereiche – Verstehen, Anwenden, Reflektieren und Mitgestalten – greifen ineinander und bilden die Grundlage für alle hier vorgestellten Tools.

Manuel Flick und ich haben einen KI-Kompetenz-Analyzer entwickelt, der genau hier ansetzt. Ergänzend dazu habe ich drei weitere Tools geschaffen, die von der Diagnose über die strategische Planung bis zur konkreten Unterrichtspraxis reichen. Alle vier Werkzeuge basieren auf demselben Kompetenzmodell und greifen nahtlos ineinander. Über folgenden Link können Sie auf alle vier Tools zugreifen: https://teacherette-total.blogspot.com/2025/10/ki-kompetenzen-ermitteln-und-fordern.html
Das Fundament: Ein Kompetenzmodell für Lehrende und Lernende
Grundlage aller Tools ist das [KI-Kompetenzmodell für Lehrende und Lernende] https://zenodo.org/records/15047793 (Alles, Falck, Flick & Schulz, 2025), das vier zentrale Bereiche umfasst:
- Verstehen: Grundlagen der KI-Technologie und Funktionsweise von KI-Systemen
- Anwenden: Praktischer Einsatz von KI-Tools im schulischen Kontext
- Reflektieren: Kritische Auseinandersetzung mit Chancen, Risiken und ethischen Fragestellungen
- Mitgestalten: Aktive Beteiligung an der Gestaltung von KI-Einsatz in Schule und Gesellschaft
Diese vier Bereiche bilden die Struktur für eine ganzheitliche Betrachtung von KI-Kompetenzen im Bildungskontext.
Tool 1: Der KI-Kompetenz-Analyzer – Wo stehe ich?
Der KI-Kompetenz-Analyzer, den Manuel Flick und ich gemeinsam entwickelt haben, ermöglicht eine Selbsteinschätzung entlang der vier Kompetenzbereiche. Über 24 Leitfragen bewerten Lehrkräfte oder Schüler:innen ihre aktuellen Kompetenzen – von technischem Basiswissen über praktische Nutzung bis hin zu ethischen Überlegungen.
Nach der Selbsteinschätzung erhalten Nutzer:innen ein individuelles Kompetenzprofil mit einer Visualisierung ihrer Stärken und Entwicklungsfelder sowie konkreten, passgenauen Handlungsempfehlungen für die nächsten Schritte. Die Ergebnisse lassen sich in verschiedenen Formaten (PDF, DOCX, CSV) exportieren – für die eigene Dokumentation oder zur Weiterarbeit mit den ergänzenden Tools.

Einsatzmöglichkeiten:
- Für Lehrkräfte: Orientierung für die eigene Weiterbildung, Grundlage für Kollegiumsaustausch oder Fortbildungsplanung
- Für Schüler:innen: Reflexionsinstrument für den Unterricht oder längerfristige KI-Projekte
- Für Schulentwicklung: Überblick über KI-Kompetenzen im Kollegium als Basis für gezielte Fortbildungsplanung
Tool 2: Das Vergleichstool – Kompetenzentwicklung sichtbar machen
Das Vergleichstool für KI-Kompetenz-Spinnennetze macht aus den Analyzer-Ergebnissen übersichtliche Visualisierungen. Die exportierten Daten werden hochgeladen und automatisch in Spinnennetzdiagramme umgewandelt.

Der besondere Mehrwert: Mehrere Spinnennetze lassen sich übereinanderlegen. So werden verschiedene Perspektiven vergleichbar – etwa ein ganzes Bildungsgangteam, verschiedene Fachbereiche oder die Entwicklung vor und nach einer Fortbildungsreihe. Auf einen Blick wird sichtbar: Wo liegen gemeinsame Stärken? Wo klaffen Einschätzungen auseinander? Wo zeigen sich wiederkehrende Entwicklungsbedarfe?
Nutzen für die Praxis:
- Fortschritt wird nachvollziehbar dokumentiert
- Fachkonferenzen und Steuergruppen arbeiten datenbasiert
- Fortbildungen können passgenau geplant werden
- Motivation durch sichtbare eigene Entwicklung
Tool 3: Die KI-Kompetenz-Roadmap – Von der Diagnose zur Strategie
Während das Vergleichstool den Ist-Stand zeigt, unterstützt die KI-Kompetenz-Roadmap bei der zentralen Frage: Wie entwickeln wir als Schule eine nachhaltige KI-Strategie?
Die Roadmap strukturiert den Entwicklungsprozess in vier Phasen:
- Orientierung und Grundlagen: Ist-Stand transparent machen, Ziele formulieren, Zuständigkeiten festlegen
- Implementierung: KI in Unterrichtssequenzen erproben, schulinterne Fortbildungen durchführen, kollegiale Hospitationen organisieren
- Evaluation und Weiterentwicklung: Wirksamkeit prüfen, erneute Selbsteinschätzung, kontinuierliche Verbesserung
- Verstetigung: Verankerung im Schulprogramm, Definition von Rollen, langfristige Fortbildungsplanung
Für jede Phase können Schulen Ziele festhalten, Maßnahmen planen, Verantwortlichkeiten zuordnen und Meilensteine definieren. Die Roadmap lässt sich exportieren und in Schulprogrammprozesse integrieren.

Tool 4: Das Flipcard-Tool – Konkrete Impulse für den Unterricht
Die beste Planung bleibt wirkungslos, wenn sie nicht in der Praxis ankommt. Das Flipcard-Tool übersetzt die abstrakten Kompetenzbereiche in konkrete, praxiserprobte Unterrichtsimpulse.
Wie ein digitales Kartenset aufgebaut, bietet es Unterrichtsbeispiele für alle vier Kompetenzbereiche. Auf der Vorderseite: Titel und Kompetenzbereich. Auf der Rückseite: konkrete Aufgabenstellung, möglicher Ablauf, Reflexionsimpulse und Varianten für unterschiedliche Leistungsniveaus.

Beispielhafte Impulse:
- Lernende vergleichen KI-generierte Texte mit eigenen Entwürfen
- Teams entwickeln gemeinsam Prompts und werten Ergebnisse aus
- Klassen erstellen einen "KI-Nutzungsleitfaden aus Sicht der Lernenden"
Die Karten sind direkt im Browser nutzbar und können auch ausgedruckt werden – für Stationenarbeit, Fortbildungen oder Konferenzen.
Zusammenspiel im Schulentwicklungszyklus
Die vier Tools entfalten ihre volle Wirkung im Zusammenspiel:
- Erhebung: Lehrkräfte nutzen den Analyzer für die Selbsteinschätzung
- Visualisierung: Das Vergleichstool macht Profile sichtbar und vergleichbar
- Planung: Mit der Roadmap werden Ziele, Maßnahmen und Zeiträume strukturiert
- Umsetzung: Das Flipcard-Tool liefert konkrete Unterrichtsbausteine
- Evaluation: Erneute Selbsteinschätzung, Aktualisierung der Spinnennetze, Anpassung der Roadmap
- Verstetigung: Verankerung bewährter Praktiken im Schulprogramm
So entsteht ein kontinuierlicher, datenbasierter Entwicklungsprozess – vom individuellen Kompetenzprofil zur lernenden Schule.
Fazit: Von der Herausforderung zur Chance
KI-Kompetenzförderung braucht mehr als einzelne Tools oder einmalige Fortbildungen. Sie braucht einen durchdachten Prozess, der ernst nimmt, wo Menschen stehen, wohin sie sich entwickeln möchten und wie der Weg dorthin konkret aussehen kann.
Die vier hier vorgestellten Tools machen genau das möglich: Sie verbinden Diagnose mit Strategie, Schulentwicklung mit Unterrichtspraxis und individuelle Kompetenzen mit institutionellem Lernen.
Manuel Flick und ich freuen uns auf eure Rückmeldungen, Erfahrungen und euer Feedback zu den Tools!
Quellenverzeichnis
Alles, S., Falck, J., Flick, M., & Schulz, R. (2025, 13. März): KI‑Kompetenzen für Lehrende und Lernende: Aus der Praxis für die Praxis – eine adaptierbare Basis [PDF]. Virtuelles Kompetenzzentrum – Schreiben lehren und lernen mit Künstlicher Intelligenz (VK:KIWA). https://doi.org/10.5281/zenodo.15047793
Über die Autorin

Susanne Alles ist Lehrerin an einem Berufskolleg im Herzen des Ruhrgebietes. Hier ist sie verantwortlich für den Bereich digitale Transformation. Darüber hinaus ist sie Autorin und und Fortbildnerin mit einem Schwerpunkt auf digitaler Bildung und KI-gestütztem Lernen. Sie entwickelt praxisorientierte Tools und Konzepte, die Lehrkräfte dabei unterstützen, digitale Kompetenzen systematisch aufzubauen und in ihren Unterricht zu integrieren. Gemeinsam mit Kolleg:innen arbeitet sie daran, Schulentwicklung zeitgemäß, transparent und nachhaltig zu gestalten.