Bericht zur Seventh Sino-German Didactics Dialogue Conference 2026 im Licht der aktuellen chinesischen KI-Bildungsstrategie.
2026 rückt China KI noch systematischer ins Zentrum seiner Bildungsstrategie. Gerade deshalb war der deutsch-chinesische Dialog über Schule, MINT, Unterrichtsqualität und Bildungsverständnis so aufschlussreich. Die entscheidende Frage lautet in der Volksrepublik nicht mehr nur, wie KI eingesetzt wird - sondern welches Verständnis von Bildung daraus entsteht.
Das chinesische Bildungsministerium hat die Integration von KI in Bildung 2026 ausdrücklich zur Priorität erklärt und Anfang April gemeinsam mit weiteren staatlichen Stellen einen Aktionsplan „AI + Education“ veröffentlicht. Ziel ist es, künstliche Intelligenz nicht nur punktuell einzusetzen, sondern sie in Lehren, Lernen, Assessment und Bildungssteuerung systematischer zu verankern. Genau vor diesem Hintergrund gewann die Seventh Sino-German Didactics Dialogue Conference in Shanghai, Hefei und Wuhu besondere Relevanz: Sie zeigte, wie unterschiedlich Deutschland und China denselben Umbruch deuten - und wie viel beide Seiten voneinander lernen können.
Der Rahmen: mehr als eine Fachkonferenz
Die Tagung brachte Wissenschaft, Schulpraxis und Bildungspolitik aus beiden Ländern zusammen. Auf deutscher Seite waren unter anderem das IPN - Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik, die Universität Oldenburg, die LMU München, die FAU Erlangen-Nürnberg, die Universität Kiel, die Universität Hildesheim sowie Schulen und Schulleitungen aus Hamburg, Karlsruhe und Gütersloh beteiligt. Auf chinesischer Seite trugen vor allem die East China Normal University, die Anhui Normal University und die Hefei University die Konferenz; hinzu kamen weitere Hochschulen, Schulen, Verlage und mit iFLYTEK auch ein zentraler Akteur aus dem Feld der KI- und Bildungstechnologie. Diese Mischung machte den Reiz der Tagung aus: Es ging nicht nur um Forschung, sondern zugleich um Unterricht, Schulentwicklung und Systemperspektiven.
Warum diese Debatte größer ist als ein Technologiethema
Die Konferenz machte sehr deutlich, dass KI in der Bildung nicht auf die Frage nach neuen Tools reduziert werden kann. Natürlich ging es um Chatbots, Feedbacksysteme, Large Language Models, automatisierte Auswertung und personalisierte Lernpfade. Aber unterhalb dieser Anwendungen stand eine viel grundlegendere Frage: Was heißt Bildung, wenn Maschinen Texte erzeugen, Lernstände diagnostizieren und Rückmeldungen geben können? Wissen wird dadurch leichter verfügbar. Umso wichtiger werden Urteilskraft, Verantwortung, Kreativität, Selbstständigkeit und die Fähigkeit, mit Unsicherheit produktiv umzugehen. KI verschiebt damit nicht nur Methoden des Unterrichts. Sie berührt den Bildungsbegriff selbst.
Zwei Perspektiven, ein gemeinsamer Umbruch: Deutschland und China im Vergleich
Besonders erkenntnisreich wurde die Konferenz dort, wo deutsche und chinesische Perspektiven aufeinandertrafen. Nicht, weil sich hier zwei gegensätzliche Lager gegenüberstanden. Sondern weil im Vergleich sichtbar wurde, wie unterschiedlich Bildungssysteme auf denselben Umbruch reagieren - und was sie dabei jeweils stark macht.
In den deutschen Beiträgen wurde KI vor allem als Anlass verstanden, Unterricht genauer anzusehen: Wie kann Feedback besser werden? Wie lässt sich Diagnostik differenzierter gestalten? Wie können Lehrkräfte Lernprozesse präziser begleiten, ohne ihr professionelles Urteil aus der Hand zu geben? Der Fokus lag stark auf Unterrichtsqualität, Lehrerprofessionalität und der Frage, wie pädagogische Verantwortung unter veränderten Bedingungen neu gefasst werden muss. KI erschien dabei nicht als einfache Lösung, sondern als Herausforderung an die Qualität pädagogischen Handelns.
In den chinesischen Beiträgen war der Horizont häufig weiter gespannt. Hier wurde KI stärker im Zusammenhang von Systementwicklung, gesellschaftlicher Transformation und kultureller Neuorientierung verhandelt. Es ging nicht nur um bessere Rückmeldungen oder intelligentere Lernumgebungen, sondern um die umfassendere Frage, wie Bildung in einer sich beschleunigenden Gesellschaft neu organisiert werden kann. KI erschien hier als Teil eines größeren Reformprojekts - verbunden mit Innovationsfähigkeit, Wettbewerbsdruck, nationaler Entwicklung und der Suche nach einem zukunftsfähigen Bildungsmodell.
Gerade darin lag eine bemerkenswerte Spannung. Denn die chinesischen Diskussionen waren einerseits von großer Offenheit für Innovation geprägt, andererseits aber immer wieder mit Grundsatzfragen verbunden: mit dem Zweck von Bildung, mit moralischer Entwicklung, mit Charakterbildung, mit dem Verhältnis von Wissen, Handeln und Reflexion. In mehreren Beiträgen war spürbar, dass es nicht genügt, Bildung effizienter zu machen. Sie muss auch Antworten auf die Frage geben, wozu Menschen lernen sollen und welches gute Leben Bildung ermöglichen will.
Deutschland wirkte demgegenüber skeptischer, tastender, bisweilen auch langsamer. Aber diese Vorsicht hatte auf der Konferenz eine produktive Seite. Sie schärfte den Blick für Grenzen: für die Grenzen automatisierter Bewertung, für die Gefahren vorschneller Delegation, für den Verlust von Eigenständigkeit, wenn maschinelle Unterstützung nicht von tragfähigen Kompetenzen begleitet wird. Die deutsche Debatte fragte beharrlich nach den Voraussetzungen gelingender Bildung in einer KI-geprägten Welt.
China hingegen zeigte mit großer Klarheit, was es heißt, Bildung als strategische Zukunftsaufgabe zu behandeln. Dort wurde deutlicher als in vielen deutschen Diskussionen sichtbar, dass KI nicht nur den Unterricht berührt, sondern Schulentwicklung, Lehrerbildung, Evaluation und gesellschaftliche Erwartungen zugleich. Die chinesische Perspektive machte damit auf eine Wahrheit aufmerksam, die in Deutschland leicht aus dem Blick gerät: Wer über KI in der Bildung spricht, spricht nie nur über Unterricht, sondern immer auch über Systemlogiken, kulturelle Leitbilder und politische Steuerung.
Und doch lag die eigentliche Stärke des Austauschs nicht in den Unterschieden allein. Sie lag in den Berührungspunkten. Auf beiden Seiten war spürbar, dass die alte Prüfungskultur an ihre Grenzen kommt. Auf beiden Seiten wurde deutlich, dass Kreativität, Kooperation, Problemlösefähigkeit und Urteilskraft wichtiger werden. Auf beiden Seiten stand die Frage im Raum, wie Bildung Tiefe gewinnen kann in einer Zeit, die ständig Beschleunigung produziert.
PISA: Nicht nur Leistung, sondern auch ihre Kosten
Aufschlussreich war zu Beginn der Konferenz der Umgang mit PISA. In Deutschland lösen die Ergebnisse meist rasch eine Defizitdebatte aus: Wie werden wir wieder besser? Wie verbessern wir Rangplätze, Standards, Leistungen? Die chinesischen Beiträge setzten einen anderen Akzent. Dort wurde die Frage trotz guter Ergebnisse nicht triumphal, sondern selbstkritisch gestellt: Was kosten diese Resultate? Im Mittelpunkt standen Lernzeit, Druck, Schlaf, mentale Belastung und das nachlassende Interesse an Wissenschaft. Im Zusammenhang mit den frühen Beiträgen zu STEM und MINT war das besonders interessant. MINT wurde dort nicht nur als Fächerbündel verstanden, sondern als Denk- und Handlungsform: Neugier, Teamarbeit, Interdisziplinarität, praktische Tätigkeit, Problemlösen und Kreativität standen im Zentrum. Von dort aus erscheinen PISA-Ergebnisse in einem anderen Licht. Sie zeigen messbare Leistung, beantworten aber noch nicht die entscheidende Frage, ob ein Bildungssystem auch das Lernen fördert, das für die Zukunft gebraucht wird.
Konfuzius, Herbart, Dewey, Meyer: eine kurze Begründungslinie
Bemerkenswert war, wie stark die chinesischen Beiträge KI in größere Bildungsfragen eingebettet haben. Die dahinterliegende Begründungslinie lässt sich knapp so lesen: Konfuzius steht für Bildung als Kultivierung des Menschen - für Haltung, Verantwortung und die Verbindung von Lernen, Denken und Handeln. Herbart steht für die pädagogische Form - für Struktur, Klarheit, Interesse und Charakterbildung. Dewey rückt Erfahrung, Problemorientierung, Kommunikation und reflektiertes Lernen ins Zentrum. Hilbert Meyer schließlich lässt sich als didaktische Anschlussfigur verstehen: Wie wird aus Bildungsanspruch guter Unterricht? Diese Linie ist keine einfache Traditionskette. Aber sie zeigt, dass Bildung weder in Stoff noch in Technik aufgeht. Sie zielt auf Orientierung, Urteilskraft und die Qualität von Lernprozessen. Gerade im Kontext von KI war diese Tiefenschärfe beeindruckend.
Chancen, Grenzen, Verantwortung: Was KI Schule tatsächlich eröffnen kann
So groß die Erwartungen an KI auch sind: Auf der Konferenz wurde sie weder als Heilsversprechen noch als Bedrohungsszenario verhandelt. Interessant war vielmehr, wie nüchtern und zugleich weitreichend die Potenziale beschrieben wurden. KI kann Rückmeldungen schneller, differenzierter und individueller machen. Sie kann offene Antworten auswerten, Sprachproduktionen analysieren, Lernstände sichtbarer machen und Lehrkräfte bei der Diagnose unterstützen. Gerade dort, wo im Alltag Zeit fehlt, wo Feedback zu selten ist und wo Lernprozesse bislang nur grob erfasst werden, eröffnet sie reale Möglichkeiten.
Besonders überzeugend wirkte das in den Diskussionen zur Schreibförderung und zum formativen Assessment. Wenn Schülerinnen und Schüler zeitnah Rückmeldung erhalten, wenn Überarbeitungsprozesse angestoßen werden und wenn nicht nur richtige oder falsche Antworten zählen, sondern Denkwege, Begründungen und sprachliche Artikulation, dann kann KI Bildungsprozesse vertiefen. Sie kann helfen, Lernen feiner wahrzunehmen - und damit auch gerechter zu begleiten.
Doch ebenso deutlich wurde: Gerade an diesem Punkt beginnt die pädagogische Verantwortung. Denn was sich technisch auswerten lässt, ist nicht automatisch schon pädagogisch verstanden. Ein längerer Text ist nicht notwendig ein besserer Text. Eine treffende maschinelle Rückmeldung ist noch keine tragfähige Beziehung. Und eine präzise Diagnose ersetzt nicht das Urteil einer Lehrkraft, die ein Kind, seine Entwicklung und seinen Kontext kennt. KI kann vieles sichtbar machen. Aber sie nimmt Schule nicht die Aufgabe ab, Bedeutung zu erzeugen.
Vielleicht liegt genau hier die eigentliche Grenze - und zugleich die eigentliche Chance. KI kann Bildung unterstützen, aber sie kann ihr Ziel nicht bestimmen. Sie kann Prozesse beschleunigen, aber nicht sagen, welche Prozesse wertvoll sind. Sie kann Muster erkennen, aber nicht entscheiden, was einem jungen Menschen im Werden wirklich hilft. Wo Bildung auf Selbstständigkeit, Verantwortung, Urteilskraft und Begegnung zielt, bleibt sie auf menschliche Präsenz angewiesen.
Deshalb war auf der Konferenz immer wieder spürbar, dass die entscheidende Frage nicht lautet, wie viel KI Schule verträgt. Die wichtigere Frage lautet: Welche Form von Schule entsteht, wenn KI sinnvoll eingebunden wird? Eine Schule, die Lernen nur effizienter organisiert? Oder eine Schule, die die neuen Möglichkeiten nutzt, um mehr Raum für Vertiefung, für Reflexion, für Zusammenarbeit und für echtes Verstehen zu schaffen?
Was jetzt auf dem Spiel steht
Am Ende dieser Konferenz blieb für mich vor allem eine Einsicht: Die Debatte über KI in der Bildung wird zu klein geführt, wenn sie bei Tools, Anwendungen und Effizienzgewinnen stehen bleibt. Tatsächlich geht es um mehr. Es geht um die Frage, welches Bildungsverständnis wir in einer Zeit entwickeln, in der Maschinen immer mehr kognitive Routinen übernehmen können - und der Mensch gerade deshalb neu gefragt ist.
Denn je leistungsfähiger KI wird, desto weniger reicht es, Bildung als Anhäufung von Wissen, als Prüfungsvorbereitung oder als optimierte Leistungserzeugung zu verstehen. Gefragt sind dann Orientierung, Urteilskraft, Selbstständigkeit, Kreativität, Verantwortungsfähigkeit und die Fähigkeit, mit anderen in Resonanz zu treten. Nicht obwohl KI stärker wird, sondern gerade deshalb. Die Maschine verschärft die Frage nach dem Menschen.
Der deutsch-chinesische Dialog hat genau das sichtbar gemacht. Er hat gezeigt, dass der Wandel längst begonnen hat, dass er international geführt wird und dass er weder durch Begeisterung noch durch Skepsis allein zu beantworten ist. Bildung steht vor der Aufgabe, sich neu zu bestimmen: nicht defensiv, nicht nostalgisch, aber auch nicht naiv. Wer KI nur einführt, ohne Schule neu zu denken, wird am Ende vielleicht modernisieren - aber nicht verändern.
Was deshalb auf dem Spiel steht, ist größer als die Einführung neuer Systeme. Es geht um die Gestalt der Schule in einer Zeit beschleunigter Transformation. Um die Frage, ob junge Menschen lernen, sich von intelligenten Systemen bedienen zu lassen - oder ob sie lernen, mit ihnen verantwortlich, kritisch und schöpferisch umzugehen. Es geht um die Qualität von Bildung in einer Welt, in der Antworten leicht verfügbar sind, aber gute Fragen immer kostbarer werden.
Vielleicht ist das die wichtigste Lehre dieser Reise: KI fordert uns nicht nur dazu heraus, Unterricht zu verändern. Sie zwingt uns, Bildung neu zu begründen.
Zum Autor
Martin Fugmann ist Schulleiter am Evangelisch Stiftischen Gymnasium und Vorstand der Heraeus Bildungsstiftung.