In Lehrerzimmern wird viel geredet, aber Gespräche über den eigenen Unterricht kommen oft zu kurz. Ausgerechnet Lehrkräfte – die selbst häufig Rückmeldungen geben – erhalten fast nie systematisches Feedback zu ihrer Arbeit.
Gründe für fehlendes Lehrkräfte Feedback
Warum ist das so? Ein Grund liegt in der Sozialisation: Lehrkräfte werden in Deutschland oft als Einzelkämpfer ausgebildet (Richter & Pant, 2016). Schon im Referendariat bestreitet man Lehrproben allein, und im Berufsalltag bleibt die Tür zum Klassenzimmer meist zu. Wer sich Feedback einholt, braucht oft Mut, da das Einholen von Rückmeldungen fälschlicherweise als Schwäche oder Zeichen mangelnder Expertise gewertet werden könnte (Trope et al., 2003). Diese Struktur ist Teil dessen, was Lortie (1972) als Autonomie-Paritäts-Muster beschreibt: Lehrkräfte verfügen über große pädagogische Freiräume, arbeiten weitgehend autonom und begegnen sich im Kollegium als formell Gleichgestellte. Diese Autonomie geht jedoch häufig mit Isolation, wenig Rücksprachen und einem Mangel an systematischem, valide erhobenem Feedback einher.
Dabei ist das Gegenteil der Fall: Professionelles Handeln zeigt sich erst durch Reflexivität. Nur durch Rückmeldungen können Lehrkräfte ihren tatsächlichen Einfluss auf den Lernerfolg erkennen.
Welche Arten von Feedback gibt es für Lehrkräfte?
Röhl/Schumann (2025) und Röhl/Bijlsma/Rollett (2021) nennen verschiedene Quellen, aus denen sich Feedback für Lehrkräfte ergeben kann:
1. Schülerfeedback: Dies ist laut Forschung eine der wirksamsten Formen. Schüler erleben den Unterricht täglich und besitzen eine hohe Expertise in der Wahrnehmung von Unterrichtsqualität. Ihre Einschätzung korreliert oft stärker mit dem tatsächlichen Lernerfolg als die Selbsteinschätzung der Lehrkraft.
2. Kollegiales Feedback (Hospitation): Kollegen können didaktische oder fachspezifische Aspekte wahrnehmen, die Schülerinnen und Schülern verborgen bleiben. Wichtig ist hier eine Atmosphäre der Vertraulichkeit ohne „Beratung von oben herab“.
3. Feedback durch die Schulleitung: In Deutschland oft selten und eher bewertend (Dienstliche Beurteilung), obwohl formatives Feedback durch Vorgesetzte sehr entwicklungsförderlich sein kann.
4. Technisches und KI-basiertes Feedback: Feedback kann heute auch durch digitale Medien erfolgen. Entweder dienen Tools dazu, Schüler-Rückmeldungen effizienter zu sammeln, oder die Technologie selbst wird zum Feedbackgeber. Das Fortschreiten der Künstlichen Intelligenz (KI) ermöglicht zunehmend vollautomatisierte, adaptive Systeme, die Lehrkräften hochdifferenzierte Rückmeldungen zu ihrem Handeln geben können.
Der Kampf gegen den „Blinden Fleck“
Wir alle unterliegen Wahrnehmungsverzerrungen. Ein klassisches Beispiel ist der „Above-average-Effekt“ (Wisniewski, 2018, S. 57): Die Mehrheit der Menschen schätzt die eigenen Fähigkeiten höher ein als die des Durchschnitts.
Daneben zeigen Modelle der Selbst- und Fremdwahrnehmung, dass es Bereiche gibt, in denen Personen keine zutreffende Einsicht in ihr eigenes Handeln besitzen. Diese Bereiche werden als „Blinde Flecken“ bezeichnet (Luft & Ingham, 1961). Im Unterrichtskontext bedeutet dies, dass Lehrkräfte ihr eigenes Handeln nur begrenzt valide einschätzen können und daher auf externe Rückmeldungen angewiesen sind. Untersuchungen zeigen beispielsweise, dass Lehrkräfte ihren eigenen Redeanteil im Unterricht oft massiv unterschätzen. Während sie glauben, den Schülern viel Raum zu geben, dominiert in der Realität oft der Lehrervortrag. Erst durch Feedback werden solche Diskrepanzen zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung sichtbar und veränderbar.
Die Vorteile: Mehr als nur Unterrichtsentwicklung
Regelmäßiges Feedback ist nicht nur ein Motor für besseren Unterricht, sondern eine wesentliche Säule der Lehrkräftegesundheit (Vgl.: Wisniewski, 2018, S. 54). Lehrkräfte, die Feedback einholen:
- erleben eine höhere Selbstwirksamkeit,
- können Stressfaktoren gezielter abbauen,
- gewinnen an Sicherheit in ihrem Handeln
- und steigern ihre allgemeine Arbeitszufriedenheit.
Aktuelle Befunde zeigen zudem, dass eine aktive Nutzung von Feedback mit einer besseren wahrgenommenen Kooperation zwischen Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern sowie mit einer besseren psychischen Gesundheit der Lehrkräfte zusammenhängt (Schmidt & Gawrilow, 2021).
Dabei ist entscheidend, dass die Lehrkraft eine gewisse „Feedback Literacy“ entwickelt. Das bedeutet die Überzeugung, dass Feedback der Verbesserung dient, sowie die Fähigkeit, mit den dabei entstehenden Emotionen professionell umzugehen.
Die Barrieren: Angst vor der „Benotung“
Trotz dieser Vorteile nutzen viele Lehrkräfte Feedbackmöglichkeiten nur wenig. Die größten Ängste betreffen den Missbrauch: Viele befürchten, dass Schüler:innen Feedback nutzen, um „sich zu rächen“, oder dass Schulleitungen Rückmeldungen für schlechtere Beurteilungen verwenden.
Hier ist eine klare begriffliche Trennung entscheidend: Feedback ist keine Bewertung oder Beurteilung. Es dient der Entwicklung, nicht der Selektion oder Benotung. Besonders wirksam ist das Verfahren zudem dann, wenn Lehrkräfte eine hohe individuelle Unterstützung bei der Interpretation der Daten erhalten (z.B. durch Coaching oder Supervision).
Fazit: Der Einstieg in den Dialog
Echtes Feedback ist kein technokratischer Prozess, sondern die „Eintrittskarte in den Dialog“ (Wisniewski, 2018, S. 96) über Lernen und Lehren. Es erfordert eine professionelle Haltung, die Fehler nicht als Versagen, sondern als Lernchance begreift.
Tipp: Klein starten. Anfänger im Lehrkräfte-Feedback mögen „Türöffner“ wie Fragen zum Klassenklima nutzen, bevor sie Feedback zu ihrer eigenen Person einholen. Nicht vergessen: Das Wichtigste am Feedback ist das gemeinsame Gespräch danach.

Quellen
Lortie, D. C. (1972). Schoolteacher: A Sociological Study. Chicago: University of Chicago Press.
Luft, J., & Ingham, H. (1961). The johari window. Human relations training news, 5(1), 6-7.
Richter, D., & Pant, H. A. (2016). Lehrerkooperation in Deutschland: Eine Studie zu kooperativen Arbeitsbeziehungen bei Lehrkräften der Sekundarstufe I (Bertelsmann Stiftung u. a., Hrsg.). Bertelsmann Stiftung.
Röhl, Sebastian / Bijlsma, Hannah / Rollett, Wolfram (2021): The Process Model of Student Feedback on Teaching (SFT): A Theoretical Framework and Introductory Remarks. In: Student Feedback on Teaching in Schools. Hrsg. v. Wolfram Rolltet, Hannah Bijlsma, Sebastian Röhl. S. 1-11.
Röhl, Sebastian / Schumann, Stephan (2025): Feedback in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung. In: Handbuch Lehrerinnen- und Lehrerbildung. 2. Auflage. Hrsg. v. Colin Cramer, Johannes König, Martin Rothland. Stuttgart: UTB. S. 872-876.
Schmidt, J. E., & Gawrilow, C. (2021). Reciprocal Student–Teacher Feedback: Effects on Perceived Quality of Cooperation and Teacher Health. Student Feedback on Teaching in Schools: Using Student Perceptions for the Development of Teaching and Teachers, 191-205.
Trope, Y., Gervey, B., & Bolger, N. (2003). The role of perceived control in overcoming defensive self-processes: Implications for feedback seeking and avoidance. Journal of Experimental Social Psychology, 39(6), 407–419.
Wisniewski, Benedikt / Zierer, Klaus (2018): Visible Feedback. Ein Leitfaden für erfolgreiches Unterrichtsfeedback. 2. Auflage. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.
Disclaimer
Ich bestätige hiermit, dass ich das KI-Tool Gemini Pro 3 kollaborativ im Schreibprozess und zur Bildgenerierung eingesetzt habe. Ich habe die finalen Text und Abbildungen nach bestem Wissen und Gewissen geprüft und bin für das Ergebnis vollumfänglich verantwortlich.
Zum Autor
Hendrik Haverkamp ist Lehrer am Evangelisch Stiftischen Gymnasium, Co-Leiter des Virtuelles Kompetenzzentrum: Künstliche Intelligenz in Bildung, Wissenschaft & Arbeitswelt (VK:KIWA), Co-Host von Kompass KI und Co-Gründer von FelloFish.